CHARLOTTE MAIHOFF2019-03-22T09:17:12+00:00

Project Description

CHARLOTTE MAIHOFF

RTL AKTUELL

‚Ich habe keine Angst vor Stürmen. Ich lerne, wie ich mein Schiff steuern muss.‘
(Louisa May Alcott, US-amerikanische Schriftstellerin, 1832 – 1888)

Jedes Jahr im Sommer ging es für uns Teenager nach Südostfrankreich, drei Wochen Zeltlager, Sonne, Wärme, Baden im Fluss, Klettern, Wandern, Kanufahren – alles ohne Eltern. Besser geht’s nicht!

Der Fluss der Region, die Ardèche, und ihre Nebenflüsse waren bei 30 bis 35 Grad Lufttemperatur angenehm kühl, von einem kräftigen Tannengrün und zumeist ausgesprochen friedlich und leicht zu befahren. Wo nicht, spricht man von Stromschnellen, manche sanfter, manche durchaus anspruchsvoll, mit schmaler Durchfahrt, großen Steinen, widrigen Strömungen, gelegentlich brutalem Kehrwasser, das Boote so plötzlich um 180 Grad dreht, dass manche regelrecht aus der Kurve fliegen – und kentern. Man munkelte auch von Unfällen und sogar von Menschen, die ertrunken seien; genug Stoff für Schauergeschichten bei der Rast am Ufer oder abends im Zelt.

Mir scheint, der Fluss der Dinge war jetzt viele Jahre ruhig für uns, friedlich, das Vorankommen relativ entspannt und sicher. Und mir scheint: Wir sind jetzt an einer Stromschnelle angelangt – mit hoher Ereignisdichte, gewisser Unberechenbarkeit; hinter jedem Fels sind Überraschungen möglich. Die alten Muster liefern keine verlässlichen Voraussagen mehr, stattdessen diskutieren wir aus ganz anderer Richtung, meta, über die Deutungsrahmen selbst, wer sie setzen darf und was sie bewirken. Ja, gilt denn wirklich garnix mehr?!

Üblicherweise ging man Stromschnellen an, indem man sie sich vorher anschaute, vom Ufer aus  – wo verläuft die Ideallinie? Wann müssen wir das Boot wo rumkriegen, damit wir nicht am Felsen hängen bleiben oder im Kehrwasser kentern? Man redet miteinander, ist ein Team, macht einen Plan. Das rät die Vorsicht.

Analysewerkszeuge dafür haben wir. Wir sollten sie nutzen.

Es half dabei, neben erklärenden Ortskundigen natürlich, die Erfahrung, Jahr für Jahr wurde man besser. Und doch: Immer, wenn man dann hineinfährt in die Stromschnelle, muss man reagieren können, je nach Pegel verhält sich das Wasser sehr unterschiedlich; was im Vorjahr noch auf die eine Weise ging, kann sich im nächsten Jahr komplett verändert haben. Oder die eigene Tagesform, die Kraft, Kleinigkeiten die große Wirkung zeitigen: Man erwischt eine Kehre nicht perfekt  und zack – haut‘s das Boot rum, und man fährt rückwärts durch die Stelle. Was, gelinde gesagt, alles Weitere erheblich verkompliziert…

Aber manchmal gibt es überhaupt keinen Plan.

Manche Stellen sind allerdings schlecht begehbar vom Ufer aus, weil hohe Felsen sie umgeben oder dichtes Gestrüpp. Das heißt, man weiß dann nur sehr ungefähr, was kommt. Man sieht erst genauer, was zu tun ist, und wo es lang geht, wenn man schon mittendrinsteckt.

Was dann? Die Antwort ist: Nicht. Zögerlich. Sein! Wer zögert, den trägt das Wasser, wohin es will. Stattdessen: Erst recht reinhauen, mit besonders kräftigen Paddelzügen das Boot auf Kurs halten, zwischendrin immer wieder prüfen, ob man noch richtig liegt, weiter reinhauen.

Man muss da rein mit einer Mischung aus Respekt vor den tatsächlichen Gefahren, Vertrauen auf das eigene Können, der Demut zu verstehen, dass man nicht alles kontrollieren kann, dem Mut, es dennoch anzugehen und dem festen Willen, das jetzt einfach zu meistern. Und wenn man doch mal nass wird… das passiert eben.  Sicher ans Ufer, Boot ausleeren, Klamotten auswringen, weiter geht’s.

Wer aber jemals im Wildwasser unterwegs war, hat gelernt, dass eine Sache  ganz bestimmt nicht funktioniert: Das Paddel ins Boot legen, die Augen zumachen – und sich zurückwünschen.

Wir können nicht aufhalten, was passiert. Aber wir können auf vielfältige Weise darauf steuernd Einfluss nehmen. Menschen tun das bereits. In der KI, indem sie sich Gedanken über Ethik by Design machen, also der Frage nachgehen: wie gestalten wir KI verstehbar und vertrauenswürdig? Und zwar schon beim Design der Algorithmen. Das baut Ängste ab und kann helfen, dass neue Technik weniger verteufelt/vergöttert wird. Im Journalismus, wo wir uns bemühen, den anderen Geschichten, den bisher zu kurz gekommenen, mehr Raum zu geben, zudem anders zu erzählen, nicht immer nur Probleme, vielmehr auch mögliche Lösungen zu aufzuzeigen oder sie auch mal ganz bewusst in den Mittelpunkt zu stellen. In der Energiewirtschaft, im Verkehr, ja, sogar in der Autoindustrie tut sich doch etwas! Dezentralisierung, Digitalisierung, Sharing Economy, mieten statt kaufen, nicht mehr so viel wegwerfen, Ressourcen schonen, dazu Gewinne und Lasten fairer verteilen und trotzdem: sehr. ok. leben. Ich glaube, dass das geht. Hat keiner gesagt, dass es leicht wird. Sicher ist aber: Es wird ganz bestimmt nix, wenn wir es nicht machen.

Charlotte Maihoff, RTL Aktuell